Barrierefreiheit im Web ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern ab 2025 in vielen Fällen Pflicht – und ganz ehrlich: auch eine riesige Chance. Wenn Ihre Website für alle verständlich, bedienbar und verlässlich ist, gewinnen Sie Vertrauen, Reichweite und Zufriedenheit. In diesem Ratgeber zeige ich Ihnen Schritt für Schritt, worauf es ankommt, wie die Regeln zusammenhängen – und wie Sie pragmatisch in die Umsetzung kommen, ohne Ihr Team zu überfordern.
Warum das Thema jetzt wichtig ist – und für wen
Am 28. Juni 2025 wird es ernst: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), basierend auf dem European Accessibility Act, greift für zahlreiche digitale Produkte und Dienstleistungen. Betroffen sind vor allem B2C-Angebote – also Unternehmen, die direkt mit Endkundinnen und Endkunden arbeiten: Arztpraxen, Friseure, Banken, E‑Commerce‑Shops, Ticketing, Transportdienste, Kommunikations- und Medienanbieter.
Es gibt Ausnahmen. Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden und unter zwei Millionen Euro Jahresumsatz sind vorerst nicht verpflichtet. Wichtig: Für Bestandsangebote gibt es Übergangsfristen bis Mitte 2030 – doch neue oder wesentlich veränderte Inhalte müssen ab 2025 konform sein. Heißt: Warten ist keine Strategie. Wer jetzt klug strukturiert, spart später teure Nacharbeiten und verbessert sofort die Nutzererfahrung.
Mein Aha-Moment dazu: Barrierefreiheit zahlt auf fast alles ein, was uns im Digitalen wichtig ist – bessere SEO-Signale, niedrigere Absprungraten, höhere Conversion und weniger Support-Aufwand. Barrierefrei bedeutet in der Praxis oft: klare Inhalte, nachvollziehbare Workflows, robuste Technik. Genau das, was Nutzer lieben.
Rechtlicher Rahmen und technische Anforderungen
Was gilt rechtlich – in einfacher Sprache
Der europäische Rahmen ist klar: Der European Accessibility Act definiert Anforderungen, das BFSG setzt diese in Deutschland um. Für öffentliche Stellen gilt zusätzlich die EU-Richtlinie 2016/2102 – sie macht barrierefreie Websites und Apps zur Pflicht. Unternehmen, die mit der öffentlichen Hand zusammenarbeiten, orientieren sich ohnehin an diesen Standards. Als Referenz dienen die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines), üblicherweise in der Stufe AA.
Praktisch übersetzt heißt das: Ihre digitale Dienstleistung muss wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein. Diese vier Prinzipien sind die Brille, durch die Sie jede Seite, jedes Formular und jede Interaktion betrachten sollten.
Technische Grundlagen
Die gute Nachricht: Vieles davon ist solides Handwerk – keine Magie. Achten Sie besonders auf:
- Semantisches HTML: Überschriftenhierarchie korrekt, Listen als Listen, Buttons als Buttons, Links als Links. ARIA nur da, wo nötig.
- Tastaturnavigation: Alles muss per Tab erreichbar sein. Fokus klar sichtbar, Reihenfolge logisch. Keine „Keyboard-Traps“.
- Fehlerbehandlung: Verständliche Texte, eindeutige Hinweise und Vorschläge zur Korrektur.
- Kontraste & Skalierung: Textkontrast mindestens 4,5:1 (normaler Text), Layouts bei 200 % Zoom stabil bedienbar.
- Medienalternativen: Alt-Texte, Untertitel, Transkripte – kurz: Informationen sind nicht an nur ein Medium „gekettet“.
Ein kleines Bild im Kopf hilft: Eine barrierefreie Seite fühlt sich an, als wäre sie für den „Worst Case“ optimiert – Ausfall der Maus, schlechter Kontrast, langsame Verbindung, Screenreader. Wenn sie dann immer noch klar funktioniert, profitieren alle. Genau das liefern Ihnen WCAG AA und gängige Test-Setups (z. B. mit NVDA oder VoiceOver, plus automatisierte Checks wie Axe oder Lighthouse).
Inhalte und Medien, die wirklich für alle funktionieren
Texte, Bilder, Videos – hier entscheidet sich, ob Ihre Botschaft ankommt. Versuchen Sie Folgendes: Wenn Sie ein Bild entfernen, bleibt die Aussage im Text verständlich? Prima. Wenn nicht, gehört diese Information in den Fließtext oder in den Alt-Text. Und bei Videos: Untertitel sind Gold wert – für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, aber auch für alle, die unterwegs ohne Ton schauen.
Ein kurzes Beispiel: Sie zeigen ein Foto von einer Treppe zu Ihrem Geschäft mit dem Hinweis „Eingang“. Der Alt-Text „Eingang über Treppe“ hilft kaum. Besser: „Eingang über Treppe, barrierefreier Zugang links über Rampe“. Das ist der Unterschied zwischen „Bild beschrieben“ und „Information vermittelt“.
Formulare und Interaktionen: Wo Conversion entsteht
Formulare sind die Königsdisziplin, weil hier Fehler schnell frustrieren. Beschriften Sie jedes Feld mit einem sichtbaren Label, nicht nur mit Platzhaltern. Gruppieren Sie verwandte Felder (z. B. Adresse) logisch und verwenden Sie sprechende Fehlermeldungen: „Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse im Format [email protected] ein.“ – nicht „Fehler“. Pflichtfelder markieren Sie textlich („Pflichtfeld“) statt nur farblich. Und ganz wichtig: Lassen sich Formulare vollständig mit der Tastatur ausfüllen und absenden?
Für kritische Vorgänge (Kauf, Stornierung, Kündigung) gelten „Error-Prevention“-Prinzipien: klare Zusammenfassung vor dem Absenden, Möglichkeit zum Korrigieren, eindeutige Bestätigung. Das ist Barrierefreiheit – und gleichzeitig Conversion-Optimierung.
Design und Lesbarkeit: Struktur, die entspannt
Barrierefreies Design ist ruhiges Design. Ausreichende Weißräume, klare Hierarchien, konsistente Komponenten. Farben dürfen unterstützen, aber nicht allein informieren – ergänzen Sie stets Text oder Icons. Für Texte gilt: gut lesbare Schriftarten, angemessene Zeilenabstände, sinnvolle maximale Zeilenlänge. Denken Sie an mobile Nutzer: Buttons brauchen großzügige Touch-Ziele, Abstände vermeiden Fehlklicks.
Ein schöner Nebeneffekt: Solche Oberflächen wirken „teuer“ – weil sie aufgeräumt, bedacht und professionell aussehen. Technik, die atmet.
So setzen Sie das Thema in 90 Tagen praxisnah um
Phase 1 (Tage 1–30): Klarheit schaffen und schnell gewinnen
Starten Sie mit einer Bestandsaufnahme der Top-Seiten (Startseite, Leistungen, Kontakt, Checkout). Führen Sie einen Accessibility-Quick-Scan durch: Tastaturnavigation, Fokusreihenfolge, Kontraste, Alt-Texte, Formlabels. Was sofort geht, erledigen Sie sofort – Fokus sichtbar machen, fehlende Labels ergänzen, Kontrast anpassen. Dokumentieren Sie alle offenen Punkte als Aufgaben mit Priorität „Risikoreduzierung“ und „Impact auf Nutzer“.
Phase 2 (Tage 31–60): Strukturen und Komponenten verbessern
Arbeiten Sie an wiederverwendbaren Bausteinen: Buttons, Formularelemente, Navigation, Modale, Fehlermeldungen. Hinterlegen Sie Nutzungsregeln: Wann welcher Button-Typ? Wie klingt eine Fehlermeldung? Wie verhält sich ein Dialog per Tastatur? Parallel schreiben Sie Content-Guidelines: klare Sprache, verständliche Links („Termin online buchen“ statt „hier“), konsistente Überschriften.
Phase 3 (Tage 61–90): Usertests, Feinschliff und Proof
Testen Sie mit Screenreadern (NVDA/VoiceOver), nutzen Sie automatische Checks (Axe, Lighthouse) und machen Sie einen Tastatur-Durchlauf für jede Kernaufgabe. Holen Sie 2–3 echte Nutzerfeedbacks ein – gerne von Menschen mit Hilfstechnologien. Was noch wackelt, geht in eine Abschlussliste mit Verantwortlichkeiten und Terminen. So erreichen Sie verlässlich das Niveau WCAG AA für Ihre Kernpfade.
Kleiner Tipp aus der Praxis: Legen Sie eine wiederkehrende Review-Schleife an – einmal pro Quartal einen halben Tag. So bleibt Barrierefreiheit nicht ein Projekt, sondern wird Teil Ihrer Qualitätssicherung. Die Kommunikation, Anfragen und Rückmeldungen Ihrer Nutzer können Sie zudem zentral steuern – das spart Zeit und lässt Muster schneller erkennen.
Toolbox und Arbeitsweise: So bleiben Sie handlungsfähig
Sie brauchen kein Großprojekt, sondern eine zuverlässige Routine. Kombinieren Sie automatische Analysen (Axe, Lighthouse) mit manuellen Checks: Tab durch die Seite, Screenreader einmal über die Hauptnavigation, Formular einmal absenden – mit Absicht Fehler provozieren. Schreiben Sie kurze Change-Logs: „Label für E-Mail ergänzt, Fehlermeldung konkretisiert, Fokusfarbe erhöht“. Das klingt klein, summiert sich aber rasant.
Und wenn Sie Systeme bündeln möchten: Die All‑in‑One Software von Exzellsystem deckt alles rund um digitale Sichtbarkeit ab – inklusive einem automatischen Chat-Assistenten, der Fragen beantwortet und Termine bucht. Gerade für barrierefreie Nutzerwege ist das ein Gewinn: Wer Formulare nicht mag oder Unterstützung braucht, hat sofort einen direkten, bedienbaren Kontaktkanal.
Typische Stolperfallen – und wie Sie sie vermeiden
Die häufigsten Hürden sind überraschend banal: Icons ohne Text, Platzhalter statt Labels, Kontraste am Limit, modale Fenster ohne Fokus-Management, carousels ohne Kontrolle, PDFs ohne Struktur. Lösen Sie das mit Prinzipien: „Inhalt zuerst“, „Tastatur zuerst“, „Fehler erklären“, „Zustände sichtbar machen“. Wenn alles konsequent beschriftet, erreichbar und verständlich ist, sind 80 % der Probleme verschwunden.
Ein schönes Prüfkriterium: Können Sie einer Person am Telefon beschreiben, wo sie über die Tastatur eine Aufgabe erledigt – und diese Person schafft es ohne Maus? Wenn ja, ist Ihre Informationsarchitektur fast sicher robust.
FAQ
Bin ich vom BFSG wirklich betroffen – und ab wann?
Wenn Sie digitale B2C-Dienstleistungen anbieten (z. B. Shop, Buchung, Banking, Tickets), dann ja – ab dem 28. Juni 2025. Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitenden und unter 2 Mio. Euro Umsatz sind vorerst ausgenommen. Für bestehende Angebote gibt es Übergangsfristen bis 2030, neue oder grundlegend geänderte Inhalte müssen früher passen.
Welche Standards soll ich konkret anpeilen – A, AA oder AAA?
Richten Sie sich an WCAG AA aus. Diese Stufe ist der gängige Maßstab und wird in Gesetzen und Verträgen meist verlangt. Einzelne AAA-Kriterien können sinnvoll sein, sind aber selten verpflichtend.
Wie teste ich schnell, ob meine Seite Keyboard-tauglich ist?
Stecken Sie die Maus weg und drücken Sie Tab, Shift+Tab und Enter. Kommen Sie überall hin, sehen Sie den Fokus immer klar, und lösen Buttons/Links wie erwartet aus? Wenn nicht, sind das Ihre ersten Baustellen. Ein kurzer Lauf mit NVDA oder VoiceOver bringt zusätzlich wertvolle Hinweise.
Was mache ich mit vielen alten PDFs und Anhängen?
Prüfen Sie, was wirklich als PDF vorliegen muss. Konvertieren Sie Inhalte, die häufig gelesen werden, besser in HTML – das ist leichter barrierefrei zu halten. Unvermeidliche PDFs sollten getaggt und strukturiert sein (Überschriften, Listen, Lese-Reihenfolge).
Hilft Barrierefreiheit auch meiner SEO und Conversion?
Ja. Klare Struktur, verständliche Inhalte, saubere Semantik und schnelle, stabile Interaktionen sind auch SEO- und Conversion-Treiber. Weniger Absprünge, mehr abgeschlossene Formulare – und zufriedene Nutzer, die wiederkommen.
Wie organisiere ich das Thema im Alltag meines Teams?
Verankern Sie Accessibility im Definition-of-Done Ihrer Tasks und planen Sie quartalsweise kurze Reviews. Nutzen Sie zentrale Workflows, um Feedback, Anfragen und Kanäle effizient zu bündeln – so lassen sich Verbesserungen leichter priorisieren und umsetzen.

